Franz Müntefering in Königsbronn: Demographischer Wandel geht uns alle an

Veröffentlicht am 03.02.2013 in Veranstaltungen

Franz Müntefering in Königsbronn

Königsbronn: Franz Müntefering, ehemaliger Parteivorsitzender der SPD, sprach beim Neujahrsempfang der Gemeinde Königsbronn in der Hammerschmiede.

Volles Haus in Königsbronn, schon eine halbe Stunde vor dem offiziellen Beginn war kein Parkplatz mehr rund um die Veranstaltungshalle zu bekommen. Die Gemeinde Königsbronn hatte den ehemaligen Parteivorsitzenden der SPD, Franz Müntefering, zum Thema demographischer Wandel eingeladen. Und er war trotz Eis und Schnee gekommen. Unter ihnen auch der neue Kultusminister und SPD-Landtagsabgeordnete Andreas Stoch, Orts- und Fraktionsvorsitzender Wolfgang Lutz, Bundestagskandidatin Claudia Sünder, Landrat Reinhard und zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens

Nach einer umfangreichen Begrüßung durch Bürgermeister Michael Stütz führte Franz Müntefering in das normalerweise trockene Thema ein: Müntefering wäre nicht Müntefering, wenn er nicht den komplizierten Sachverhalt verständlich formulieren könnte. Und er konnte. Mehrere seiner Botschaften gingen über die bekannten Allgemeinplätze hinaus. „Ich glaube nicht, dass die Kohorten der Jungen gegen die Alten ziehen“, war einer seiner ersten Botschaften. Er untermauerte seinen Vortrag mit eindrucksvollen Zahlen: Im Jahr 1950 lebten 1,8 Milliarden Menschen auf der Erde. Heute sind es 7,5 Milliarden, im Jahr 2050 werden es über 10 Milliarden sein. Kann unser Planet diese große Zahl von Menschen überhaupt ernähren? Was ist mit der Energie, die diese Menschen benötigen? Möglicherweise sei die Energiefrage die wichtigste Frage überhaupt. Müntefering konstatierte unter großem Beifall: Nun gilt es möglichst schnell auf alternative Energien umzustellen, um sich auf die Zukunft vorzubereiten. Während mit einer großen Bevölkerungserweiterung weltweit zu rechnen sei, ist es in Deutschland gerade umgekehrt. Die deutsche Bevölkerung wird die älteste in Europa, ja weltweit sein. Heute leben in Deutschland 80 Millionen Menschen, im Jahr 2050 werden es ca. 68 Millionen sein, aber auch nur dann, wenn wir pro Jahr 100.000 Zuwanderer haben, sonst sinke diese Zahl auf ca. 62 Millionen. Es müsse die Frage gestattet sein, warum diese Entwicklung z.B. in Frankreich nicht so sei? Mitte der 60er Jahre wurden 1,2 Millionen Kinder in Deutschland geboren, heute sind es nur noch 670.000 im Jahr. Diese Zahl liegt um ein Drittel unter der Geburtenrate von Frankreich. Die veränderte Altersstruktur in Deutschland hat für die Betroffenen auch große Vorteile. Heute geht man davon aus, dass wir in Deutschland gesund alt werden. Müntefering: „Da kommen 10 bis 15 gute Jahre oben drauf“. Finale Krankheiten kämen viel später als früher. Wichtig war ihm auch, dass unsere Demokratie kein Schaukelstuhl sei. Alle müssten sich an ihr beteiligen. Die Entwicklung ist eine Herausforderung für den Sozialstaat und für unsere Gesellschaft. Und er nannte noch einmal eindrucksvolle Zahlen: 1960 erhielt ein Rentner ca. 10 Jahre lang seine Altersrente bezahlt. Heute wären es schon 18 Jahre. Dazu käme, dass viele Arbeitnehmer nicht bis zur Altersgrenze arbeiten würden oder könnten. Unsere Gesellschaft wird und muss sich verändern: Ca. 30 Prozent der Kinder werden heute in Partnerschaften geboren, in Ostdeutschland sind es sogar 52 Prozent. Trotzdem sind die Rahmenbedingungen in unserem Land auf diese Tatsachen nicht eingerichtet. Immer noch sind alle Instrumente auf die klassische Familie ausgerichtet. Um als Gesellschaft, als Demokratie, mit dem Phänomen Demografie umzugehen forderte Franz Müntefering:
  • Junge Menschen müssten eine berufliche Perspektive haben. Nur wenn sie diese hätten, einen sicheren Job, dann würden sie sich auch für Kinder entscheiden.
  • Die duale Ausbildung müsse verstärkt werden, vor allem auch im Studium. Deutsche Hochschulen sind nicht für Studenten eingerichtet, die Kinder hätten. Anders als z.B. in den skandinavischen Ländern oder in Frankreich.
  • Immer noch würden ca. 60.000 Kinder jedes Jahr ohne einen Schulabschluss die Schulen in Deutschland verlassen. Dies könne sich die demokratische Gesellschaft nicht mehr leisten.
  • Ältere – er meinte Menschen über 60 Jahre – würden unbedingt gebraucht. Mit ihrer Erfahrung und ihren Kenntnissen.
  • Nur 75 Prozent der Frauen mit Kindern würden „normal“ arbeiten. Die am besten ausgebildete Frauengeneration, die unser Land jemand gehabt hat, hätte zu wenig Chancen am Arbeitsmarkt und zwar nur, weil sie einer anderen ihrer ureigensten Aufgaben, nämlich Mutter sein, nachkämen.
  • Leider hätten ca. 32 Prozent der jungen Frauen bis ca. 40 Jahre keine Kinder, vor allem die sehr gut ausgebildeten Frauen.
In einer sozialen Gesellschaft steht der Mensch im Mittelpunkt. Jeder Mensch braucht soziale Kontakte, er müsse sich um andere Menschen kümmern und am Gemeinwesen teilnehmen. Müntefering lobte die gute Arbeit in Königsbronn, von dem man in Sachen ehrenamtlicher Arbeit viel lernen könne. Dem Gemeinwesen gab der ehemalige SPD Vorsitzende mit auf den Weg:
  • In eine Gemeinde ziehen Eltern nur dann, wenn klar ist, dass es dort eine gute Schulstruktur und eine Perspektive für ihre Kinder gibt.
  • Und wenn die Eltern vor Ort, bzw. in vernünftiger Erreichbarkeit, eine berufliche Perspektive hätten und zwar langfristig.
  • Auf die Dauer blieben die Menschen, vor allem, wenn sie ein gewisses Alter erreicht hätten, nur dann, wenn auch für ihre sozialen Bedürfnisse ein Angebot vorhanden wäre.
Zum Schluss forderte Franz Müntefering alle Anwesenden auf sich an diesem Prozess aktiv zu beteiligen und nicht auf der Tribüne zuzuschauen, damit es andere machen würden. Langer Applaus zeigte ihm, dass er mit dem Thema richtig gelegen hatte. Bürgermeister Michael Stütz bedankte sich und übergab Hintergrundliteratur über Georg Elser und eine gegossene Figur.
 
 

Andreas Stoch MdL

Leni Breymaier MdB

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